SMA
Spinale Muskelatrophie
5 Jahre SMA-Neugeborenen-Screening – Frühe Diagnose als Schlüssel zum Therapieerfolg
Das bundesweite Neugeborenenscreening (NBS) auf Spinale Muskelatrophie (SMA) feiert sein 5-jähriges Jubiläum in Deutschland.1 Dieser Meilenstein hat die Versorgungslandschaft nachhaltig beeinflusst und sichert den frühestmöglichen Behandlungsbeginn. Denn jeder Tag zählt! Eine schnelle Diagnose erlaubt das sofortige Handeln und eröffnet die Chance auf eine gezielte Behandlung bereits ab Geburt.2,3
Neugeborenen-Screening ermöglicht rechtzeitiges Handeln
Seit dem 1. Oktober 2021 gehört die Testung auf Spinale Muskelatrophie (SMA) zum flächendeckenden Neugeborenen-Screening (NBS) in Deutschland.1 Dabei erfasst die Ersttestung auf das Fehlen beider SMN1 (Survival Motor Neuron 1)-Genkopien etwa 95 % aller betroffenen Neugeborenen.2 Der anschließende molekulargenetische Bestätigungstest liefert mit der Bestimmung der SMN2 (Survival Motor Neuron 2)-Kopienanzahl die direkte Grundlage für die frühe Therapieentscheidung nach S2k-Leitlinie.4
Die Notwendigkeit eines unverzüglichen Behandlungsstarts beruht auf klaren pathophysiologischen Erkenntnissen. Bereits ab dem 2. Schwangerschaftstrimester ist eine ausreichende SMN-Proteinkonzentration essenziell für die regelrechte Axonogenese und den Aufbau des motorischen Nervensystems. Wird dieser kritische Schwellenwert unterschritten, droht ein biologischer „Point of no Return“, also ein irreversibler Motoneuron-Verlust, der neben der Motorik auch kognitive und sprachliche Entwicklungsfenster betreffen kann.5,6 Dass hier keine Zeit zu verlieren ist, zeigt sich auch an sensiblen Biomarkern. Bei Säuglingen unter 6 Wochen mit 2 SMN2-Kopien lässt sich vor ersten klinischen Symptomen in über der Hälfte der Fälle bereits ein elektrophysiologischer Onset mit erniedrigten CMAP (Compound Muscle Action Potential)-Werten oder ein Anstieg der Neurofilamente (pNfL) nachweisen.6,7 Das Screening schafft die Voraussetzung, um durch eine rechtzeitige Therapie die motorische Entwicklung gezielt zu unterstützen. Kinder, deren SMA bereits im NBS diagnostiziert wird, haben eine signifikant höhere Chance auf das Erreichen wichtiger motorischer Meilensteine wie des freien Sitzens und selbstständigen Laufens im Vergleich zu Kindern, deren Diagnose erst im Rahmen der klinischen Symptome (CSO; Clinical symptom onset) gestellt wird (Abb. 1).2
Abb. 1: Wahrscheinlichkeit des Erreichens der Fähigkeit zum freien Sitzen oder selbstständigen Gehen bei Patient:innen mit Diagnose via NBS oder nach klinischem Symptomonset (CSO); Schattierte Bereiche geben die 99%-Konfidenzintervalle (KI) an; Durchgezogene vertikale Linien zeigen die 50. Perzentile, gestrichelte vertikale Linien die 99. Perzentile; Adaptiert nach [2]
CSO: Diagnose nach klinischem Symptomonset (Clinical Symptom Onset); NBS: Diagnose via Neugeborenenscreening (Newborn Screening).
Das gewonnene Zeitfenster konsequent nutzen
Nach einem auffälligen Screening-Befund sollte die direkte Überweisung an ein spezialisiertes Neuromuskuläres Zentrum erfolgen. Dort schafft die rasche molekulargenetische Konfirmationsdiagnostik, gemeinsam mit der elterlichen Aufklärung und genetischen Beratung, die medizinische und rechtliche Grundlage für den Behandlungsstart.4,8 Im aktuellen DACH Delphi-Konsensus besteht hohe Einigkeit darüber, dass logistische Hürden oder langwierige Vorbereitungen den Behandlungsbeginn nicht verzögern sollten, da der Erhalt der Motoneuronen von den ersten Lebenswochen an entscheidend ist.8
Den klaren Vorteil eines frühen Starts belegen auch Registerdaten. Die Auswertungen zeigen, dass präsymptomatisch behandelte Neugeborene eine höhere Chance auf das Erreichen wichtiger motorischer Meilensteine wie der Fähigkeit selbständig zu sitzen oder des freien Laufenlernens hatten im Vergleich zu Kindern, die erst nach dem Auftreten klinischer Symptome behandelt wurden (Abb. 2).2
Abb. 2: Wahrscheinlichkeit des Erreichens der Fähigkeit zum freien Sitzen oder selbstständigen Gehen bei präsymptomatischen vs. symptomatischen Patient:innen bei Behandlungsbeginn mit SMA Diagnose via NBS; Schattierte Bereiche geben die 99%-Konfidenzintervalle (KI) an; adaptiert nach [2]
CSO: Diagnose nach klinischem Symptomonset (Clinical Symptom Onset); NBS: Diagnose via Neugeborenenscreening (Newborn Screening)..
Ein unmittelbarer Therapiebeginn kann Familien zudem die Sicherheit geben, dass bereits aktiv gehandelt wird, während die langfristige Behandlungsstrategie gemeinsam mit dem Behandlungsteam geplant wird.
Lesen Sie jetzt den vollständigen Fachartikel und erfahren Sie mehr über evidenzbasierte Erstlinien-Therapieoptionen, aktuelle Langzeit-Studiendaten und pragmatische Praxis-Tools für den sofortigen Behandlungsstart ab Tag 1.
Hier zeigt Risdiplam entscheidende pragmatische Vorteile im klinischen Alltag. Als oral verabreichbares Small Molecule passiert Risdiplam die Blut-Hirn-Schranke und erhöht als gezielter Spleißmodifikator die Bildung von funktionsfähigem SMN-Protein sowohl im zentralen Nervensystem als auch in peripheren Geweben.9–13 Die Behandlung kann direkt nach der Diagnose eingeleitet werden, unabhängig von prä-therapeutischen Antikörper-Titern oder den logistischen Vorbereitungen feingeweblicher/invasiver Eingriffe. Risdiplam kann bereits ab der Geburt eingesetzt werden. Pharmakokinetische Daten belegen eine schnelle Bioverfügbarkeit im gesamten Körper. Bereits nach 4,5 Stunden wird die maximale Plasmakonzentration erreicht, und schon nach der ersten Dosis baut sich ein verlässlicher Wirkspiegel auf.12,13
Dosierung und Anwendung ab Tag 112,13
Um im Versorgungsalltag keine Zeit zu verlieren, folgt Evrysdi® einer einfachen, gewichts- und altersbasierten Dosierung:
- Säuglinge unter 2 Monaten: 0,15 mg/kg Körpergewicht als Lösung
- Säuglinge von 2 Monaten bis unter 2 Jahren: 0,20 mg/kg Körpergewicht als Lösung
- Kinder ab 2 Jahren unter 20 kg: 0,25 mg/kg Körpergewicht als Lösung
- Kinder und Erwachsene ab 20 kg: 5 mg Fixdosis als Lösung oder Filmtablette
Die 1x tägliche Verabreichung erfolgt oral als Lösung, Filmtablette oder flexibel über eine Ernährungssonde.
Eine Therapieoption für den langfristigen Behandlungsweg
Als zugelassene Behandlungsform ab der Geburt steht Risdiplam als dauerhafte Erstlinientherapie für das gesamte Spektrum der 5q-assoziierten SMA zur Verfügung. Präklinische Daten zeigen, dass Risdiplam kontinuierlich sowohl im zentralen Nervensystem als auch in peripheren Geweben verteilt wird.9 Es werden gleichmäßige Wirkspiegel aufgebaut, die eine verlässliche Abdeckung ohne therapiefreie Lücken oder End-of-Dose-Effekte gewährleisten können.13
Wie stark präsymptomatisch behandelte Neugeborene von der Erstlinientherapie profitieren, belegen die aktuellen 36-Monate-Daten der RAINBOWFISH-Studie.3
Nach 3 Jahren unter Risdiplam:
- erwarben 91 % der Kinder die Fähigkeit zu freiem Sitzen, Stehen und Gehen und behielten diese Meilensteine langfristig bei,
- erreichten 96 % der Kinder den maximalen HINE-2-Score für motorische Meilensteine,
- behielten alle Kinder ihre Schluckfähigkeit,
- konnten 96 % der Kinder sich vollständig oral ernähren,
- benötigten 96 % der Kinder keine Unterstützung der Atmung und
- entwickelten alle Kinder altersgerechte kognitive und sprachliche Fähigkeiten.3
Abb. 3: Nach 3 Jahren erfüllten fast 77 % der Kleinkinder keines der Kriterien für eine klinisch manifestierte SMA [3]
5 Jahre Früherkennung: Erreichte Meilensteine und der Blick nach vorn
Fünf Jahre flächendeckendes Neugeborenenscreening zeigen, wie sehr die Früherkennung die Versorgung der Spinalen Muskelatrophie in Deutschland verändert hat. Da heute rund 95 % der betroffenen Säuglinge früh erfasst werden, hat sich die zeitliche Spanne von der Geburt über die gesicherte Diagnose bis zum Behandlungsstart stark verkürzt.1,2 Zusammen mit modernen Therapien, die bereits ab Tag 1 eingesetzt werden können, erhalten betroffene Kinder so die Chance, wichtige motorische Meilensteine altersgerecht zu erreichen.2,3,13
Gleichzeitig richten Forschung und Praxis den Blick bereits weiter nach vorn. Neben der Auswertung von Langzeitdaten diskutiert die Fachwelt vor allem, wie sich Versorgungsabläufe künftig noch weiter verfeinern lassen. Im Mittelpunkt stehen dabei ethische und rechtliche Fragen zum frühestmöglichen Therapiestart schon vor Konfirmationsdiagnostik bei Hochrisikofällen sowie die wissenschaftliche Bewertung neuer Behandlungs- und Kombinationsstrategien.8
1. Dienste des Deutschen Bundestages W. Neugeborenen-Screening zur Erkennung von Stoffwechselerkrankungen. 2024. https://www.screening- (accessed Sept 7, 2026).
2. Schwartz O, et al. JAMA Pediatr 2024; 178: 540.
3. Mazurkiewicz-Bełdzińska M et al. 5th International Scientific Congress on Spinal Muscular Atrophy, Budapest, Hungary; 11-14th March 26.
4. DNP. Diagnostik und Therapie der 5q-assoziierten spinalen Muskelatrophie im Kindes- und Erwachsenenalter (S2k-Leitlinie 2025, AWMF-Registernummer 022-030, Version 2.1).
5. Ramos DM, et al. J Clin Invest 2019; 129: 4817.
6. Kong L, et al. Sci Transl Med 2021; 13: eabb6871.
7. Crawford T, et al. Neuromuscular Disorders 2018; 28: S110–1.
8. Ziegler A, et al. J Neuromuscul Dis 2026;6: e00447.
1. Dienste des Deutschen Bundestages W. Neugeborenen-Screening zur Erkennung von Stoffwechselerkrankungen. 2024. https://www.screening- (accessed Sept 7, 2026).
2. Schwartz O, et al. JAMA Pediatr 2024; 178: 540.
3. Mazurkiewicz-Bełdzińska M et al. 5th International Scientific Congress on Spinal Muscular Atrophy, Budapest, Hungary; 11-14th March 26.
4. DNP. Diagnostik und Therapie der 5q-assoziierten spinalen Muskelatrophie im Kindes- und Erwachsenenalter (S2k-Leitlinie 2025, AWMF-Registernummer 022-030, Version 2.1).
5. Ramos DM, et al. J Clin Invest 2019; 129: 4817.
6. Kong L, et al. Sci Transl Med 2021; 13: eabb6871.
7. Crawford T, et al. Neuromuscular Disorders 2018; 28: S110–1.
8. Ziegler A, et al. J Neuromuscul Dis 2026;6: e00447.
9. Chiriboga CA et al. J Neurol 2024; 271: 4871–84.
10. Ratni H, et al. J Med Chem 2018; 61: 6501–17.
11. Sivaramakrishnan M, et al. Nat Commun 2017; 8: 1476.
12. Fachinformation Evrysdi® Filmtabletten, aktueller Stand.
13. Fachinformation Evrysdi® Pulver für Lösung, aktueller Stand.