BiTE / T-Cell Engager: Bispezifischer T-Zell-Aktivator (Bispecific T-cell Engager)
CRS: Zytokin-Freisetzungssyndrom (Cytokine Release Syndrome)
DLL3: Delta-like Ligand 3 (zielgerichtetes Oberflächenantigen beim SCLC)
FISH: Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung
HR: Hazard Ratio (Gefahr- bzw. Risikoverhältnis)
ICANS: Immun-Effektorzell-assoziiertes Neurotoxizitätssyndrom (Immune Effector Cell-Associated Neurotoxicity Syndrome)
IHC: Immunhistochemie
IIT: Akademisch initiierte Studie (Investigator-Initiated Trial)
mOS: Medianes Gesamtüberleben (median Overall Survival)
mPFS: Medianes progressionsfreies Überleben (median Progression-Free Survival)
NSCLC: Nicht-kleinzelliges Lungenkarzinom (Non-Small Cell Lung Cancer)
PD-L1: Programmed Death-Ligand 1
SCLC: Kleinzelliges Lungenkarzinom (Small Cell Lung Cancer)
Der Roche Podcast zu Onkologie/Hämatologie
ESMO 2026 Folge #5: Lungenkarzinom
Von SCLC über Head-to-Head-Vergleich bei KRAS-G12C bis PD-L1 high: Dr. Cornelia Kropf-Sanchen ordnet Presidential Sessions und Praxisdaten zur Thoraxonkologie ein.
11:04 min anhören | 26. Oktober 2026
Auf einen Blick
Aktuelle Studiendaten & europäische Spitzenforschung: Von Standing Ovations beim kleinzelligen Lungenkarzinom (DeLLphi-305) bis zum Head-to-Head-Vergleich bei KRAS-G12C-Mutationen – wir fassen die Highlights der Plenary- und Presidential-Sessions kompakt zusammen.
Fundierte Einordnung für Ihren Behandlungserfolg: Dr. Cornelia Kropf-Sanchen ordnet die Daten klinisch ein: Wie gelingt das Toxizitätsmanagement von T-Cell-Engagern ambulant, welche Rolle spielt Savolitinib bei MET-Resistenzen und warum bleibt die Chemotherapie auch bei PD-L1-High-Expressern hochrelevant?
Unsere Aufzeichnung stammt vom 26.10.2026. Die nächste Folge erscheint am 27.10.2026.
Kapitelmarken & Themenübersicht
Expertin der Thorkalen Onkologie
Transkript der Episode (wortgetreu)
Hallo, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, hier ist wieder Harald Müller-Huesmann vom letzten Tag des Europäischen Krebskongresses, des ESMO, aus Madrid. Ich serviere Ihnen heute wieder Tapas aus Madrid. Ich freue mich wieder – ich sage schon immer „wieder“, aber Cornelia Kropf-Sanchen aus Stuttgart ist an meiner Seite: die süßeste Stimme der Lungen- beziehungsweise Pneumoonkologie Deutschlands.
Harald, es verschlägt mir gerade die Stimme. Da weiß ich schon gar nicht mehr, was ich sagen soll.
Schön, dass du da bist! Ich fand, der ESMO wurde dieses Jahr mit drei Late-Breaking Abstracts in den Plenarsitzungen von der Lunge so ein wenig beherrscht, ganz besonders vom Kleinzeller. Da kommen wir doch ein Stück weiter. Was haben wir denn da gehört?
Ja, absolut. Zum ersten Mal haben wir wirklich in der Presidential Session Standing Ovations für eine Studie gehört. Das hatten wir ja selten in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Und zwar für die DeLLphi-305-Studie. Die hat Tarlatamab – das kennen wir ja mittlerweile als T-Zell-Engager mit Zulassung in der zweiten Therapielinie – direkt in Kombination mit Durvalumab im Rahmen der Maintenance nach vier Zyklen Chemoimmuninduktion untersucht.
Das war eine große globale Phase-III-Studie mit über 500 Patienten, die 1:1 randomisiert wurden. Wir haben wirklich eine unglaubliche Verbesserung des Gesamtüberlebens von 13 auf 21 Monate, Hazard Ratio 0,42. Das kannten wir ja gar nicht so lange. Es ist auch wirklich so, dass nach einem Jahr über 80 Prozent oder fast 80 Prozent der Patienten noch am Leben waren, 40 Prozent noch auf der Therapie. Das setzt in meinen Augen tatsächlich ganz neue Maßstäbe.
Ja, Wahnsinn, wirklich einen großen Schritt vorangekommen. Aber man muss da auch so ein bisschen schauen: Wir haben ja jetzt Tarlatamab auf dem deutschen Markt zur Verfügung und haben es auch schon eingesetzt. Es ist ein bispezifischer T-Zell-Engager. Der kann schon etwas mit unseren Patienten machen, und nicht jeder hat so das Backbone einer nahen Intensivstation bei sich, um das alles abzufedern. Wie siehst du das?
Ja, genau. Zum Ersten haben wir mal wieder neue Nebenwirkungen gelernt. Wir kennen CRS, also das Zytokinfreisetzungssyndrom. Das bekommt ja fast die Hälfte der Patienten: Fieber, Schüttelfrost, Blutdruckabfall, meistens niedriggradig. Das lässt sich auch gut handhaben. Und wir kennen ICANS, also wirklich schwere neurologische Nebenwirkungen.
Ich muss sagen, wir haben an der SPACE-T-Studie von Marcel Wiesweg teilgenommen, die Tarlatamab in der Zweitlinie bei Patienten mit ECOG 2 untersucht hat, also wirklich multimorbiden Patienten. Da muss ich sagen: Das kann schon Nebenwirkungen machen. Aus meiner Sicht ist es aber handhabbar. Ich glaube, man muss das Team schulen, man muss die Patienten schulen. Dann ist es etwas, was man auch nicht zwingend auf der Intensivstation machen muss.
Im Rahmen der DeLLphi-Studie war es ja so, dass die Amerikaner zwei Stunden nach der Infusion überwacht haben, die Europäer sechs bis acht Stunden. Wahrscheinlich sind wir generell ein bisschen ängstlicher.
Insgesamt in DeLLphi-304 etwas weniger Nebenwirkungen – in DeLLphi-305 weniger als in DeLLphi-304. Es ist etwas, was mit einem geschulten Team handhabbar ist, idealerweise natürlich im ambulanten Setting auch mit einem Patienten, der zum Beispiel durch Angehörige begleitet wird.
Genau. Ich glaube, ich kann mich noch daran erinnern: Als wir damals mit Rituximab angefangen haben, habe ich die erste Gabe auch auf der Intensivstation gemacht. Jetzt läuft das eigentlich subkutan und einfach so nebenbei. Wenn man das Team schult, dann ist das auch ganz gut. Es gibt auch besondere Nebenwirkungen.
Ja, genau. Zum einen muss man sagen: Wir haben jetzt auch so eine Erfahrung von einem Dreivierteljahr. Bei den meisten Patienten treten diese Nebenwirkungen kaum noch auf, wenn die ersten Zyklen durch sind. Sie haben, wenn dann, andere Nebenwirkungen, zum Beispiel auch Geschmacksveränderungen, selten mal eine Neutropenie. Aber aus meiner persönlichen Sicht auf jetzt n gleich sieben Patienten haben sie eine sehr gute Lebensqualität im Vergleich zu einer dauerhaften Chemotherapie.
Ja, sehr schön. Kommen wir mal weiter zu den treibermutierten NSCLC, also den nicht-kleinzelligen Lungenkarzinomen. Diese Population verstehen wir ja immer besser und haben auch immer mehr Medikamente zur Verfügung. Da wurde die Krascendo 1 vorgestellt – nicht „Crescendo“, nicht Musik, sondern …
Musisch begabt – aber du hast das gut ausgesprochen, glaube ich.
Also KRAS-getriebene Lungenkarzinome. Was wurde da präsentiert?
Ja, genau, du sprichst unsere zweite Presidential Session aus thoraxonkologischer Sicht an. Das ist eine Studie für Patienten mit KRAS-G12C-Mutation. Das haben wir ja bei so zwölf bis 15 Prozent des Kollektivs im Stadium IV mit Metastasen. Das war in meinen Augen eine sehr mutige Studie, weil sie zwei oder drei TKIs getestet hat: einmal das Präparat Divarasib und dann im Komparatorarm Sotorasib oder Adagrasib. Aufgrund der weltweiten Verfügbarkeit wurden etwa neun Prozent mit Adagrasib behandelt. Das war wirklich ein Head-to-Head-Vergleich in diesem Setting.
Solche Studien finde ich ja auch mutig: dass man Medikamente gegeneinander vergleicht und schaut, welches denn wirklich das Bessere für unsere Patientinnen und Patienten ist. Wie sieht es da mit den Ergebnissen aus?
Auch hier waren die Ergebnisse deutlich. Das mediane progressionsfreie Überleben – das war auch der primäre Endpunkt – war deutlich besser: 9,8 Monate unter Divarasib versus 5,7 Monate, Hazard Ratio hier 0,58. Ich glaube, das hätten wir auch nicht in dieser Deutlichkeit erwartet.
Was mich auch fasziniert, ist, dass zwölf Monate später unter Sotorasib oder Adagrasib nur noch 24 Prozent der Patienten auf Therapie sind versus 43 Prozent. Also profitieren da doppelt so viele Patienten dauerhaft davon.
Und auch das Gesamtüberleben – das ist ja in diesem KRAS-Setting ein Novum. Bisher hatten wir keine Studie, die da wirklich auch positiv war: 17,7 Monate versus zwölf Monate, Hazard Ratio 0,56. Das ist in meinen Augen schon ein sehr, sehr starkes Signal für Divarasib.
Ich finde das auch besonders: Wenn sich neue Medikamente durchsetzen, erkaufen wir uns das ja manchmal mit einer erhöhten Toxizität. Wir können jetzt da auch beruhigt sagen: Nein, das hat sogar weniger Nebenwirkungen.
Ja, es gab höhergradige Nebenwirkungen bei 34 versus 24 Prozent. Das sind unter Divarasib eher Diarrhö und Übelkeit, weniger diese Transaminasenerhöhungen, die wir unter den anderen Präparaten sehen. Wenn man das gut begleitet, ist es etwas, was in meinen Augen für die Patienten auch sehr gut im Alltag handhabbar ist.
Auch da geht es weiter bei den treibermutierten Lungenkarzinomen. Gab es sonst noch etwas, was da herausstach?
Lass mich vielleicht auch noch unsere dritte Presidential Session anbringen, wenn wir die denn jetzt schon haben. Das ist die SAFFRON-Studie. Die untersucht einen ganz spannenden Ansatz bei EGFR-mutierten Patienten. Wir kennen da ja mehrere Resistenzmechanismen. Einer davon ist die MET-Überexpression. In diesem Setting nach einem Third-Generation-TKI wurde Osimertinib als zielgerichtete Therapie gegen EGFR mit Savolitinib – das ist ein MET-Inhibitor – versus Chemotherapie untersucht.
Auch diese Studie war deutlich positiv für Patienten, die selektioniert waren. Sie mussten eine 3+-positive Immunhistochemie für MET haben oder FISH10-positiv sein. Also schon selektionierte Patienten. Da war das progressionsfreie Überleben mit 7,6 Monaten unter der TKI-Kombination deutlich besser als mit 5,4 Monaten, Hazard Ratio 0,55. Auch ein Signal im Gesamtüberleben mit 17,8 Monaten ist sicher spannend.
Ein Fragezeichen bleibt vielleicht noch: Wir wissen ja, dass zum Beispiel in der Zweitlinie Chemo plus Amivantamab auch eine Rolle spielt, gerade bei c-MET. Hier war der Komparator jetzt die reine Chemo. Aber es sind spannende Daten, und wir haben in diesem Setting auch noch andere Studienkonzepte gesehen. Da bin ich sehr gespannt, wie sich das durchsetzen wird.
Kommen wir mal zu der großen Masse. Die behandeln wir ja schon seit Jahrzehnten, die nicht treibermutierten nicht-kleinzelligen Lungenkarzinome, mit Chemoimmuntherapie. Eigentlich haben wir für uns so ein bisschen abgespeichert: Bei den High Expressors können wir auch eine Mono-IO-Therapie machen. Aber das müssen wir vielleicht noch einmal überlegen, oder?
Da haben uns, glaube ich, die Franzosen ziemlich geerdet, muss ich mal sagen. Und zwar mit der PERSEE-Studie. Das ist eine ganz tolle französische IIT-Studie der Phase III mit [Patientenzahl akustisch nicht eindeutig] Patienten. Sie hat, Harald, genau diese Frage untersucht: Muss ich bei einem Hochexprimierer eine Platindoublette mit Immuntherapie geben oder nur Immuntherapie?
Auch da waren die Ergebnisse relativ deutlich für die Kombination: progressionsfreies Überleben 16,1 versus 6,9 Monate, Hazard Ratio hier 0,56. Auch für das Gesamtüberleben gab es einen numerischen Vorteil. Man muss sagen: Darauf war die Studie gar nicht gepowert.
Was man sich noch einmal genauer anschauen muss: Ältere Patienten über 70 Jahre hatten keinen so starken Vorteil. Wir hatten auch erstaunlicherweise 40 Prozent KRAS-Mutierte in diesem Kollektiv. Ich glaube, da muss man noch einmal genauer in die Daten sehen.
Wir haben auch erstaunlicherweise bei den Hochexprimierern – in dem Fall hatten sie 50 bis 75 Prozent versus 75 bis 100 Prozent angeschaut – keinen Unterschied gesehen. Ich weiß nicht, ich habe so das Gefühl, dieses PD-L1 macht manchmal auch, was es will. Aber das Signal für die Kombination ist eigentlich da. Ich glaube, man muss schon bei fitten Patienten überlegen, ob man nicht die Chemo einfach mit dazu gibt, auch bei diesen Hochexprimierern.
Ja, super. Letzter Tag des ESMO, drei Plenarsitzungen bei der Lunge, fantastische Daten. Ich glaube, du freust dich auch so langsam wieder auf zu Hause. Oder wie geht es dir?
Ja, ich glaube, das tun wir alle. Die Kongresse sind super toll. Man geht wirklich motiviert nach Hause, nimmt neue Ideen mit. Aber ich glaube, jeder von uns freut sich, wenn man dann auch wieder daheim ist und das normale Leben dort fortsetzen kann.
Sehr schön, denn es ist ja noch Herbstferienzeit. Vielleicht begegnen wir uns auch wieder in Südtirol, weil das unser Lieblingsort ist. Ich wünsche dir noch einen schönen Kongress und eine gute Heimreise.
Lieber Harald, das wünsche ich dir auch. Vielen Dank für die tolle Einladung.
Vielen Dank.
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