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Der Roche Podcast zu Onkologie/Hämatologie

ESMO 2026 Folge #3: Mammakarzinom – Evidenz, Adhärenz & neue Targets

Von neuen OS-Daten und oralen SERDs bis zu modernen ADCs: Prof. Sherko Kümmel über endokrine Adhärenz, Therapielücken und Behandlungsoptionen beim TNBC.

11:34 min anhören | 25. Oktober 2026

Auf einen Blick

  • CDK4/6-Inhibitoren & NATALEE-OS-Daten: Einordnung der ersten Gesamtüberlebenssignale aus der NATALEE-Studie und die Diskrepanz zur Versorgungsrealität, in der trotz gesichertem Überlebensvorteil noch immer zu viele Patientinnen im adjuvanten Setting untertherapiert bleiben.
  • Adhärenz-Krise & orale SERDs: Angesichts von rund 50 % Therapieabbrüchen unter fünfjähriger endokriner Standardbehandlung rücken orale SERDs (wie in der lidERA-Studie) in den Fokus, um durch bessere Verträglichkeit und weniger Arthralgien die Therapietreue maßgeblich zu steigern.
  • ADC-Evolution & TNBC-Herausforderungen: Neben der Etablierung moderner ADCs klopfen bispezifische ADCs an.

Unsere Aufzeichnung stammt vom 25.10.2026. Die nächste Folge erscheint am 26.10.2026.

Folge herunterladen (15,9 MB)

Kapitelmarken & Themenübersicht

Experte der Gynäkoonkologie

Transkript der Episode (wortgetreu) 

Hallo, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, hier ist wieder Harald Müller-Huesmann vom ESMO in Madrid. Der zweite Tag des ESMO läuft jetzt richtig rund. Die erste Presidential Session war schon, und ich freue mich ganz besonders, hier an meiner Seite Professor Sherko Kümmel von den KEM begrüßen zu dürfen, denn er ist einer der sichtbarsten Gynäkoonkologen und Senologen, auch auf Social Media. Lieber Sherko, willkommen in Madrid!

 

Ja, danke für die Einladung. Jetzt hier zwischendurch, zwischen all den Sessions, machen wir so ein erstes Update. Was haben wir gehört? Was ändert sich? Ändert sich etwas am Montag, was wir sozusagen den Kollegen oder den Patienten schon mitgeben können?

 

Die Frage stellst du ja genau. Also, letztes Jahr auf dem ESMO war es ja ein Feuerwerk. Da haben die Gynäkologen den ESMO fast gekapert, wie man heute neudeutsch sagt. Dieses Jahr war es bisher etwas ruhiger.

 

Also, mal kurz zusammengefasst: Es ist jetzt nicht so, dass man sagt, ich müsste am Montag dringend etwas ändern, weil ich sonst das und das in der Gesamtsituation verpassen würde. Das kann man erst mal zusammenfassen. Das heißt: relaxed sein in dem Ganzen. Ich glaube, wenn man dann in die Tiefe geht, gibt es schon sehr, sehr viele Beiträge, bei denen man so kleine Adaptationen in der Gesamtsituation machen kann.

 

Was zum Beispiel für mich am Ende sehr spannend war, wenn man sich global mit vielen Kollegen unterhält: Welche Studien kommen? Das heißt: Welche Möglichkeiten gibt es? Welche Studien kommen auch nach Deutschland? Mein Fazit ist eigentlich, dass die Daten eher unsere Strategie bestätigen, die wir derzeit verfolgen.

 

Also, gucken wir mal. Fangen wir mal an: hormonrezeptorpositiv, Early Breast Cancer. Gibt es irgendeine Änderung? Da hatten wir bei NATALEE die ersten OS-Daten. Haben die dich überzeugt, oder differenzierst du da jetzt mehr?

 

Eigentlich ist genau das passiert, was man erwartet hat. Alles andere wäre sehr überraschend gewesen. Wenn jetzt jemand sagt, ich hätte einen größeren Benefit erwartet, wäre das biologisch eigentlich nicht zu erwarten gewesen. Genauso wäre auch nicht zu erwarten gewesen, dass ich keinen Unterschied gesehen hätte. Das heißt, es ist eigentlich komplett das passiert, was wir erwartet haben, wenn man sich sehr intensiv mit den Daten auseinandersetzt. Also nicht so überraschend, wie wir gestern in seiner Session schon festgestellt haben.

 

Ich finde in dem Punkt eigentlich viel wichtiger zu sagen: Für uns ist es tägliche Routine und Standard. Aber wenn wir uns die Real-World-Daten anschauen, also die breite Masse, scheint es doch eine Reihe von Patienten zu geben, denen es gar nicht empfohlen wird.

 

Absolut. Ich erlebe das tagtäglich. Die sagen: „Muss ich das denn überhaupt nehmen? Mein niedergelassener Gynäkologe hat gesagt: Nee, das ist sowieso so teuer, und der Nutzen ist so gering.“ Da war ich dann doch auch schockiert.

 

Ja, da muss man jetzt sagen: Wenn ich zwei Studien habe, die diese Stoffklasse, diese Stoffgruppe untersuchen, also die CDK4/6-Inhibitoren, und beide einen Gesamtüberlebensvorteil zeigen, was wir früher in dieser Situation häufig gar nicht erreicht haben, wenn man auf die letzten zwanzig Jahre zurückblickt, dann ist es, finde ich, schon nicht korrekt, das nicht wenigstens mit den Patienten objektiv zu besprechen: was es bedeutet, et cetera.

 

Für mich heißt das mindestens, dass man die Therapie in dieser Situation startet. Wenn man sie aufgrund von Nebenwirkungen für diesen Benefit nicht tolerieren möchte, ist das immer noch eine andere Situation. Aber gleich von vornherein festzulegen, dass einem dieser Gesamtüberlebensvorteil gar nicht zuteilwird, finde ich nicht korrekt.

 

Schauen wir mal weiter. Ein großes Thema sind ja auch ADCs. Da kommen auch noch einige auf uns zu.

 

Na ja, wenn wir uns das Feuerwerk anschauen, gucken wir mal wieder so ein bisschen in die verschiedenen Situationen, wie das Switching in der metastasierten Situation. Und so haben wir natürlich die nächsten ADCs. Bei ADCs kann man zusammenfassen: Wir haben jetzt immer mehr implementiert, was ich die Generation T-DXd, Sacituzumab und Datopotamab nenne.

 

Da kommen Bestätigungsdaten, da kommen Quality-of-Life-Daten, die eigentlich unsere tägliche Routine bestätigen. Und dann schaffen sie vielleicht für alle, die es noch nicht so in ihren Alltag integriert haben, noch mal die Awareness, dass sie mittlerweile wirklich fester Bestandteil unserer Therapiestrategien sind.

 

Was ich wieder spannend fand, waren schon wieder die nächsten ADCs, die nächste und übernächste Generation, die sozusagen „knocking on heaven’s door“ sind und uns wieder zeigen: Wow, da kommen auf einmal noch mal effektivere, wahrscheinlich noch potentere Optionen auf uns zu.

 

Das ist so das Feld, bei dem ich mich freue, dass wir Studien bekommen werden, dass wir hoffentlich auch nach Deutschland solche Strategien bekommen werden, sodass wir die nächste Generation dieser ADCs schon wieder anwenden können.

 

Das ist doch etwas ganz Tolles. Wir haben jetzt gerade mal die ADCs in verschiedensten Situationen, in verschiedenen biologischen Konstellationen implementiert. Und jetzt denken wir schon wieder darüber nach, die nächste Generation in Studien zu evaluieren, wie wir etwas besser machen können. Also Kombinationen, bispezifische Antikörper – da geht die Reise hin.

 

Ja, wir haben ja wieder von China bis in die USA bispezifische Antikörper, bei denen wir darüber nachdenken können: Was kommt? Was kriegen wir dann in Studien zur Verfügung gestellt? Da gibt es die ersten bispezifischen Antikörper auch bei der HER2-Therapie, die wir in Studien anwenden können, und so weiter. Das sollte so ein bisschen verdeutlichen: Da passiert wirklich eine Menge, die dann ankommt.

 

Auf der anderen Seite darf man nicht vergessen: Eines der Hot Topics ist immer auch die lidERA-Studie. Es gibt seit ein paar Monaten kein Meeting, bei dem nicht darüber diskutiert, analysiert und zurückgefragt wird, et cetera. Wir gucken und sagen: Wir freuen uns alle darauf, dass wir mal eine Form der Deeskalation haben. Bisher sind wir ja trainiert worden zu sagen: Ich nehme etwas und nehme noch etwas dazu, und dann wird es noch ein bisschen besser. Die CDK4/6-Geschichte.

 

Ja, aber ich finde, die Gynäkoonkologen sind die Vorreiter der Deeskalation, wenn man die ganzen adjuvanten Therapiestudien sieht. Wir internistischen Onkologen hauen immer noch mehr drauf.

 

Na ja, wenn ich jetzt beim Mammakarzinom gucke: Ja, wir haben Deeskalationsstrategien schon so ein bisschen ...

 

Aber lidERA zum Beispiel: Ein SERD kommt ja dann irgendwann in der adjuvanten Situation auf uns zu.

 

Das hoffen wir erfreulicherweise. Eine Deeskalation ist natürlich ... Aber wir ersetzen zum Beispiel Aromatasehemmer oder Tamoxifen durch einen SERD, haben eine höhere Effektivität und ein, ich sage mal, wahrscheinlich auch geringeres Nebenwirkungsprofil, was sich dann natürlich für die Patienten niederschlägt.

 

Und das ist immer noch mal ein Punkt: Ich glaube, bei aller Wissenschaftlichkeit und allen Studien müssen wir uns anschauen, was unser Unmet Need in der hormonrezeptorpositiven Situation ist. Unser Unmet Need ist, dass fünfzig Prozent all unserer Patienten diese Tablette über fünf Jahre gar nicht nehmen.

 

Das heißt, wenn wir neue Strategien haben, zum Beispiel mit den SERDs und so weiter, ist das wieder der nächste Schritt: erstens effektiver zu behandeln und vielleicht durch weniger Nebenwirkungen – weil diese Arthralgien, also die Knochen- und Muskelschmerzen, etwas geringer scheinen – eine höhere sogenannte Adhärenz zu erreichen. Das heißt, das Medikament einfach weiterzunehmen. Das ist ja noch mal ein potenzieller Effekt. Das sind beides Stränge, bei denen wir vorankommen müssen.

 

Wie siehst du das mit GLP-1-Rezeptoragonisten?

 

Ein großes Thema. Ich kann es jetzt, ohne dass ich Diabetologe bin – und ich möchte da auch nicht in dieses Fahrwasser hineinrennen –, einfach als meine persönliche Meinung wiedergeben. Letztens hat jemand in einem endokrinologischen Advisory Board etwas gesagt, und da fand ich den Satz ganz treffend: Sollten diese Medikamente irgendwann generisch sein, wird die ganze Diskussion wegfallen.

 

Dann würden wir es im Trinkwasser haben?

 

Ganz so würde ich es jetzt nicht übertreiben. Generisch heißt ja, dass es viel leichter kommerziell erreichbar ist. Dass diese ganze Diskussion der Kosten, der Indikation und so weiter weggeht. Denn wir sehen eine signifikante Reduktion von fünf bis sieben Tumorentitäten unter Anwendung. Wir sehen sogar eine signifikante Reduktion von Joint Symptoms, also diesen Knochenschmerzen, natürlich neben der Gewichtsreduktion mit all ihren positiven Aspekten.

 

Wenn man Gewicht reduziert, sich fitter fühlt, sich gesünder ernährt, fitter ist, dann hat das alles natürlich einen riesigen Impact auch auf das Survival in dieser Situation. Das ist relativ klar. Von daher glaube ich, dass da zukünftig noch viel in der Entwicklung möglich und auch notwendig ist, um solche Sachen zu machen.

 

Stellen Sie sich vor: Ich nehme eine Tablette ein, habe eine bessere endokrine Therapie, habe, ich sage mal, nicht diesen Effekt der Gewichtszunahme, der ja häufiger von unseren Patienten proklamiert wird, und verbinde das alles. Ich habe am Ende eine effektivere Therapie ohne Gewichtszunahme oder mit weniger Gewichtszunahme und noch diese ganzen Muskelschmerzen reduziert. Das ist doch genau das, was ich meinte, wo wir beim Unmet Need hinzugehen haben. Von daher bin ich dem eher positiv gegenüber eingestellt.

 

Unmet Need. Noch ein kurzes Wort zum triple-negativen Brustkrebs. Wie schaut es da beim ESMO aus?

 

Na ja, Standards haben wir definiert. Die sind jetzt durch den ESMO auch nicht geändert. In der frühen Erkrankungssituation bleibt es Pembrolizumab ab Stadium II. Ein offenes Feld ist für mich die Frage nach Stadium I: kein Standard, aber das sind vierzig Prozent unserer Patienten. Was ist da die beste Therapie? Da laufen jetzt erste Studien.

 

In der metastasierten Situation sind mittlerweile auch ADCs, also Antibody-Drug Conjugates, in der First Line angekommen, mit oder ohne Immuntherapie. Das ist der Standard. Und da sind schon wieder die nächsten bispezifischen ADCs sozusagen „knocking on heaven’s door“, die vielleicht auch da schon den nächsten Schritt gehen können, noch effektiver zu therapieren. Das ist so ein bisschen das Picture, das wir haben.

 

Sehr schön. Was hörst du dir denn noch an? Gynäkoonkologische Dinge?

 

Nee, da ich bei den KEM sozusagen den Luxus habe, dass sich Philipp Harter, mein Counterpart, komplett um die Gynäkoonkologie kümmert, wie ich sie nenne, also um alle Beckentumoren, und ich das nicht aufholen würde, auch wenn ich mich jetzt noch mal fünf Jahre intensiv damit auseinandersetzen würde, bin ich froh, dass ich diese Luxussituation habe, mich nur um den Brustkrebs zu kümmern und alles, was damit zu tun hat.

 

Ja, super. Ganz, ganz herzlichen Dank! Ich finde es auch ganz toll, wie sichtbar du als Experte auf den Social-Media-Kanälen bist, wie du das bespielst. Auch Patienten wissen das sehr zu schätzen, und da sind wir uns ein wenig ähnlich. Ich bedanke mich für unser Gespräch und wünsche dir noch viel Spaß in Madrid.

 

Dankeschön.

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